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Wie Sie den richtigen Weg finden

Die spirituelle Suche gehört nach Ansicht von Religionswissenschaftlern und Anthropologen zum Menschsein wie die Sprache oder der Werkzeuggebrauch. Als einziges Wesen hat der Mensch ein Bewusstsein seiner Unvollkommenheit und Endlichkeit. Er will sie durch Hinausgreifen über seine irdische Existenz, durch eine Verbindung mit etwas Höherem, Nichtmateriellem über- winden. Dieser Transzendenztrieb, der ironischerweise biologische Grundlagen hat, kostet auf Dauer viel Kraft. Suchende ruhen sich deshalb gerne aus im Schoss einer Gemeinschaft, die glaubt, den Weg zur Transzendenz gefunden zu haben: "Suche nicht länger. Hier bist du richtig!" So entstand die Religion. Wie alle Institutionen erstarren und verkrusten auch Religionen allmählich. Ihre Rituale und Dogmen müssen erneuert oder ersetzt werden, damit das spirituelle Urbedürfnis wieder befriedigt wird. Aus sich heraus kann dies eine Kirche (die darin der Bürokratie gleicht) nicht leisten. Erneuerung oder Ablösung kann – so schrieb Max Weber - nur vom persönlichen Charisma eines einzelnen Menschen ausgehen, der den Mut und die Kraft aufbringt, sich gegen die alte Religion zu stellen. Die Jesus-Formel gegen den alten Glauben lautete: "Es steht geschrieben - ich aber sage euch!"

Seit Luther hat es im Abendland kein Charismatiker mehr geschafft, die Religion zu erneuern (und sei es um den Preis der Spaltung) - entweder ist die Erstarrung zu gross oder das Charisma der Reformer zu schwach. Das ist um so fataler, als sich heute, am Ende des Millenniums, die spirituelle Nachfrage wieder mächtig regt. Weil das Angebot regional nicht befriedigen kann, wird die Suche global betrieben - Buddhismus, Tantrismus, Schamanismus Taoismus ...

Angebot, Nachfrage, Globalisierung: Dass sich hier Begriffe aus der Wirtschaft verwenden lassen, ist nicht zufällig oder metaphorisch. Der Theologe Harvey Cox hat kürzlich darauf hingewiesen, dass der Markt selbst, fast unbemerkt von den streitenden Weltreligionen, zu einer Religion, ja zu Gott geworden ist. Er hat dessen Attribute übernommen und ist allgegenwärtig, allwissend, allmächtig. Der Markt duldet keine anderen Götter neben sich (Ketzereien wie Sozialismus oder "rheinischen Kapitalismus"). Er bestraft Abweichungen von der reinen Lehre (mit Kreditentzug) und erlöst die reuigen Sünder. Er hat seine Priester und Propheten (Greenspan, Tietmeyer, Duisenberg), sogar eine Eschatologie ist erkennbar. Der Markt-Gott ist ein Schöpfer - er verwandelt alles zu Geld, auch das vormals Heilige. Alles wird zur Ware - Land, Menschen, Körper. Neuerdings fordern die Marktpriester, dass auch das menschliche Erbgut vermarktet werden darf. Kann diese Weltreligion eines Tages noch von einem weberschen Charismatiker erneuert oder reformiert werden?

Bis vor kurzem galt als unumstösslich, dass wenigstens eine Dimension des Lebens unantastbar bleiben müsse - nämlich die "innere", spirituelle. Aber die Märkte für materielle Güter sind allmählich ausgereizt, und so tauchen nun Kataloge auf, in denen ganz neuartige Güter feilgeboten werden: Spirituelle Erfahrungen wie Seelenruhe, Ekstase und Erleuchtung können nun an "heiligen Orten der Kraft" in "unberührter Natur" oder unter Anleitung von echten Schamanen erworben werden. Kaffeefahrten ins Transpersonale. Was vorher durch Gebet, Askese, Versenkung oder Fasten erarbeitet werden musste, ist nun als generisches Produkt zu kaufen. Die Vermarktung des Spirituellen führt auf Holzwege und in psychische Zustände, deren harmlosester noch die Illusion der Erleuchtung ist. Psychiater und Religionsexperten können davon ein vielstrophiges Lied singen.

Heiko Ernst, Chefredakteur PSYCHOLOGIE HEUTE

 

Spiritualität - Wege und Irrwege


Sich berühren lassen
Was ist echte Spiritualität
Falsch verstandene Spiritualität

'Transpersonal' ist nicht gleich 'spirituell'

Mystik und Spiritualität
Alles loslassen und ganz eins werden: Das All-Eine im Alltag

Der spirituelle Weg ist nie problemlos

Krisen & Störungen bei spirituell suchenden Menschen
Spirituelles Bewusstsein: bescheiden, demütig und gütig
Was Spiritualität nicht bedeutet

 

Sich berühren lassen

Esoterik und Spiritualität sind gesellschaftsfähig geworden. Auf der Suche nach dem Seelenheil vertrauen immer mehr Menschen auf buddhistische Rituale, Kundalini und Tantra oder experimentieren mit Channeling und Tarot. Führen diese und andere Praktiken aber wirklich zu einem "höheren Bewusstsein"? Viele Sinnsucher unterschätzen die Gefahren des "spirituellen Weges": Was bedeutet eigentlich Spiritualität? Und woran kann man den richtigen Weg erkennen?

Spiritualität definiert heute den euro-amerikanischen Zeitgeist - vor allem in den USA gehört "Spirituellsein" längst zu den gesellschaftlich erwünschten Eigenschaften. Da der Begriff aber zu weit und inflationär gebraucht wird, muss man gegenüber allen verheissungsvollen, aber meist illusionären Glücks- und Heilsversprechungen vorsichtig sein. Der "spirituelle Weg" ist nie einfach, sondern meist steinig und voller Gefahren.

Das für die westliche Kultur der Aufklärungs- und Nachaufklärungszeit charakteristische Denken und Fühlen ist eindimensional. Dem rationalen, logisch orientierten Bewusstsein fehlt vor allem die spirituelle Tiefendimension: So ist die Öffnung für ein anderes, weiteres Wahrnehmen, Spüren, Sich-berührenlassen verkümmert oder verlorengegangen. Diese "Ander-Welt" ist aber ein kulturelles Menschheitserbe - wir müssen respektieren, dass die menschenmöglichen Erfahrungs- und Bewusstseinsbereiche umfassender sind, als es das Tageswachbewusstsein unserer technisierten Zivilisation ahnt und erkennt.

So kann man auch die grossen Hoffnungen der 68er Hippies auf Bewusstseinserweiterung, ihre Begeisterung für die indische oder tibetische Spiritualität und ihre Sehnsucht nach Ekstase und "Mystik" ebenso wie die aktuelle Zenmode und die Esoterikwelle des NewAge als Versuche sehen, dieses kulturelle Defizit auszugleichen. Der Boom der sich heute ganzheitlich gebenden Alternativmedizin und der Esoterik partizipiert jedenfalls im guten und häufig auch weniger guten Sinne an diesem Nachholbedürfnis.

Was ist echte Spiritualität?

Woran kann man Spiritualität erkennen? Welche Kriterien gibt es für einen spirituellen Menschen? Spiritualität meint eine besondere religiöse Lebenseinstellung, die sich auf das All-Eine, das umgreifende eine Sein bezieht, das den Menschen als unfassbares Geistiges - spiritus, pneuma - erscheint. Es gibt für dieses Eine viele Namen und Bewusstseinsgestaltungen: Gott, Gottheit, Tao, Brahman, Buddha-Natur, Grosser Geist. Von diesem Einen gibt es kein gesichertes Wissen, es kann jedoch in ahnungsvoller Schau und als ergreifende Erfahrung lebensführend sein. Für den spirituellen Menschen ist diese göttliche Dimension der Transzendenz gleichzeitig Ursprung und Ziel. Auf seinem spirituellen Weg versucht er, sich diesem allumgreifenden Bewusstsein immer mehr zu nähern: "Heiligung der Seele" nannte der Mystiker Johannes vom Kreuz die erfüllte Spiritualität.

Die spirituelle Lebenshaltung charakterisiert sich zutiefst durch Gelassenheit. Spiritualität schliesst Ruhe, Friede, Toleranz oder Güte ein. Gerade deshalb muss man mit modisch gewordenen, vor allem in der Esoterikszene beliebten Formulierungen wie "Transformation", "Metamorphose" oder "Wandlung" vorsichtig sein. Solche Stichworte werden oft gebraucht, um die Wirkung spiritueller Übungen, gar spiritueller Erfahrungen zu kennzeichnen. Aber es wird dann kaum gefragt: Ist es eine Wandlung in dem Sinn, dass das alte Bewusstsein aufgegeben wird und etwas Neues, in seinem Wesen ganz anderes an dessen Stelle tritt?

Das gilt vor allem für das Verhältnis zum Ich. In der spirituellen Beziehung wird das Ich zur göttlichen, heiligen "Transzendenz" relativiert. Es verliert seinen Anspruch, im Mittelpunkt des Seins zu stehen - poetisch wird dies häufig als "Ichtod" bezeichnet.

Spirituelles Bewusstsein ist auch transpersonal: Der Mensch will über das Individuell-personenhafte hinauswachsen. Das Individuelle wird so offen für das Überindividuelle: "Entwerden" heißt dies bei Meister Eckhart, "Entpersönlichung" beim Sannyasin als spirituellem Gottsuchenden. Der radikal entrückte Yogi lässt dabei alles zurück, um in dem Einen aufzugehen oder mit ihm zu einem Sein zu verschmelzen, das alle Einzelgestaltung überschreitet - und darum leer genannt wird.

Alle seriösen spirituellen Bemühungen haben gemeinsam, dass sie sich auf Bescheidenheit ausrichten. Sie sind im Üben, Suchen oder Sich-bereithalten ausdauernd und unterwerfen sich keinen Begierden, Trieben oder Stimmungen - insbesondere Ärger, Wut, Unmut. Der spirituelle Mensch zeigt Mitgefühl und versucht, eine selbstlose Liebe zu leben.

Falsch verstandene Spiritualität 

Es ist daher ein gewaltiges Missverständnis, wenn heute viele esoterische Sinnsucher spirituell leben wollen, um sich gegen Leiden, Trauer, Schmerz und Angst zu immunisieren oder gar über die leid-, begierde- und ärgerverhafteten Mitmenschen erhaben zu fühlen. Der spirituelle Mensch kann vielmehr positive und negative Gefühle zulassen, ohne dass er aus seiner "Einmittung" in die Tiefendimension herausgerät.

Pseudospiritualität ist mitunter schwierig zu erkennen. Besondere Vorsicht ist angebracht, wenn sich jemand selbst als spirituelles Wesen definiert, sich als "erwacht" und "befreit" beschreibt und dies zur Schau trägt. Ein spiritueller Mensch übernimmt dagegen immer eine tiefe Verantwortung für sich selbst und das Leben, da sich seine Beziehung zur Alltagsrealität zutiefst gewandelt hat: Diese wird nicht abgewertet, erhält aber auch nicht einen so hohen oder gar ausschliesslichen Wert wie in der westlichen Kultur. Spirituelles Leben verwirklicht sich in Bescheidenheit bis hin zur Demut, Friedfertigkeit und Güte. Spirituelle Entwicklung kultiviert ganzheitliche Echtheit und Klarheit - auch im zwischenmenschlichen Bereich.

'Transpersonal' ist nicht gleich 'spirituell'

In der öffentlichen Diskussion verschwimmen vor allem die Begriffe spirituell und transpersonal. Dies ist besonders kritisch und irreführend, da vieles "Personüberschreitende" mit Spiritualität im achtungsvollen, ernsten Sinne wenig oder nichts zu tun hat.

So haben die meisten transpersonalen Erfahrungen, die der Bewusstseinsforscher und New-Age-Pionier Stanislav Grof in seiner bekannt gewordenen "Topographie des Unbewussten" beschreibt, nichts mit Spiritualität zu tun - einzige Ausnahme ist das "Bewusstsein des universalen Geistes". So ist es etwa unhaltbar, Seinsfindung mit Selbstfindung gleichzusetzen, da der Selbstbegriff nicht reflektiert wird. Geht es darum, im Sinne der Tiefenpsychologie vom falschen zum wahren Selbst zu kommen, so ist dieses Sichselbstsein kein spirituelles, sondern ein im psychiatrisch-psychotherapeutischen Sinn gesundendes Selbst. Dieses kann allenfalls ein Ausgangspunkt für eine spirituelle Entwicklung sein.

Wenn im transpersonalen Umfeld von Selbstfindung oder der "stürmischen Suche nach dem Selbst" (Grof) gesprochen wird, so ist wiederum ein anderes Selbst gemeint. Diese Bedeutung ist der gängigen Übersetzung des Sanskritbegriffs atman entlehnt, das das höhere, göttliche Ich meint. Die unreflektierte Gleichsetzung von Selbstfindung mit dem Spirituellen übersieht, dass es auch im nichtspirituellen Lebensbereich eine Selbstfindung, Selbstverwirklichung, Sinnfindung gibt . Sinnfindung im Leben ist nicht gleichzusetzen mit dem Finden eines transpersonalen, individuumsüberschreitenden Selbst.

Häufig werden parapsychologische Erscheinungen als spirituelle Erlebnisse umdefiniert oder vereinnahmt. Menschen können zwar auf dem spirituellen Weg parapsychologische Erfahrungen machen – beispielsweise kann es zu Visionen kommen -, aber das hat mit Spiritualität im eigentlichen Sinn noch nichts zu tun. Das weiss die spirituelle Tradition, die solche Erfahrungen als Teufelswerk, Verblendungs- und Verführungsfalle darstellt.

Ebenfalls von Spiritualität abzugrenzen ist alles Spiritistische wie einschlägige Sitzungen zur Kontaktaufnahme mit Ahnengeistern; auch Telekinese, Besessenheitsphänome ne, Trance oder Ekstase sind keine eigentlichen spirituellen Erlebnisse.

Die populäre transpersonale Psychologie weckt die Illusion, dass paranormale Phänomene ein spirituelles Erwachen und gewandeltes Bewusstsein signalisieren. In den hohen Schulen der östlichen Spiritualität und des christlichen Mönchstums werden sie dagegen als Hindernisse, Gefahren, Prüfungen von Echtheit und Bewährung auf dem spirituellen Weg angesehen - auf dem Weg des Loslassens von allen Verhaftungen, Bildern, Wünschen.

Mystik und Spiritualität

Man muss zwei Lebenshaltungen und Einstellungen gegenüber dem "Transzendentalen" oder "Unsichtbaren" unterscheiden. Während alle Magie - ob Weisse, Graue oder Schwarze Magie - nach übersinnlicher Erkenntnis und einer tätigen Beeinflussung durch das Individuum oder eine Gruppe abzielt, strebt Spiritualität immer nur nach einem "zwecklosen", "absichtslosen" und ichfreien Einswerden mit dem Einen. Spiritualität und auch Mystik dürfen daher nicht mit aussergewöhnlichen Bewusstseinszuständen irgendwelcher Art gleichgesetzt werden: Ekstase, Visionen und Auditionen signalisieren an sich ebenso wenig spirituelles Erwachen wie irgendwelche magischen, parapsychologischen oder okkulten Phänomene - wie Mediumismus, Channeling, Spiritismus, Hellsehen, Telepathie - und Körpersensationen wie Kundalini- oder "ausserkörperliche" Erlebnisse.

Spiritualität bedeutet eine gelebte, auch im Alltag erfahrene Beziehung zum Transzendenten nach dem Durchschreiten aller Bilder oder "übernatürlicher" Methoden. Magie dagegen hat immer etwas mit einem gewollten, ichverhafteten Beschwören oder Bewirken der "anderen Welten" zu tun.

Alles loslassen und ganz eins werden: Das All-Eine im Alltag

Der echte spirituelle Weg ist wohl am eindrücklichsten - neben der mittelalterlichen Schilderung "Die dunkle Nacht" des Mystikers Johannes vom Kreuz - in den berühmten "zehn Ochsenbildern" aus dem chinesischen und japanischen Buddhismus beschrieben worden. Wer auf dem spirituellen Pfad der Bewusstseinsentwicklung vorankommt, erlebt ein Erwachen, das nach dem Tod des alten Ich als Neu- und Wiedergeburt und als Befreiung, Erlösung oder Erleuchtung erfahren wird.

Der Weg nimmt seinen Ausgang im Alltag, im Alltagsbewusstsein, im mittleren Tageswachbewusstsein, in dem das Leid ("Verlust des Ochsen") dominiert, Gier, Neid, Ärger, Liebe und Hass werden personal und ichzentriert erlebt.

Beim Aufbruch auf den spirituellen Weg kann der Mensch zeitweise, spontan oder beabsichtigt vor allem durch meditative Übungen eine Erweiterung seines Bewusstseins erfahren: Das entspricht dem "Finden, Bändigen, Befrieden, Internalisieren des Ochsen". Der Suchende kann dabei - etwa als Meditand in der Einsiedlerhütte - auch besondere Bewusstseinszustände erleben und eine Ich-Relativierung erfahren. Diese als "lch-Tod" bezeichnete Erfahrung ist notwendige Voraussetzung für die echte spirituelle Ich-Transzendenz.

Wenn die Wandlung vollzogen ist, kann der spirituelle Mensch in den Alltag zurückkehren - wie es das letzte Ochsenbild, der "Marktplatz" dokumentiert. Der Suchende ist dann allerdings Verwandelter, der den Alltag in einem unumkehrbar erweiterten, vertieften, umfassenderen oder "holistischen" Bewusstsein erfährt: Sein Bedeutungs- und Zeiterleben ist verändert.

Der spirituelle Mensch ist nicht mehr nur dem Alltagsbewusstsein verhaftet. In ihm hat sich eine befreiende Gelassenheit entfaltet, die sich einer übergeordneten Ethik gegenseitiger universaler Verantwortlichkeit verpflichtet weiss. Das entspricht ganz der Erkenntnis des Buddha: "Schützt euch selbst, so schützt ihr andere. Indem ihr andere schützt, schützt ihr euch selbst." Dieses entwickelte spirituelle Bewusstsein hat sich zudem von den vorübergehend gebrauchten Vehikeln einer "weltlichen" Lehre, einer Schule, eines Dogmas oder einer Technik befreit.

Manchen Menschen gelingt der Aufbruch auf den spirituellen Weg der Bewusstseinsentfaltung, hingeordnet auf das personüberschreitende All-Eine. Die spirituelle Entwicklung fordert Loslassen und Annehmen: Annehmen des Geheimnisses unserer Existenz, unserer Herkunft und Zukunft, der menschlichen Kleinheit vor dem All-Einen. Sie verlangt Loslassen vom Bedürfnis, das Unwissbare durch "Wissen" zu ersetzen. Der Weise "weiss' nicht.

Der spirituelle Weg ist nie problemlos

Der spirituelle Weg ist niemals problemlos: Alle spirituellen Schulen kennen seine vielfältigen Schwierigkeiten und Krisen.

Beispielhaft wird dies an der "Zenkrankheit", deren Symptome man folgendermassen zusammenfassen kann: 

Täuschungen
Verschiedene halluzinationsähnliche Erlebnisse:
- Licht, Bilder, Gestalten, Szenen, Geräusche, Rufe, Töne, Stimmen
- Geruchs- und Geschmackssensationen
- Berührungserlebnisse
- veränderte Körperschwere (Schweben)
- Hitzewallungen, Kälteschauer
- unwillkürliche Bewegungen

Haften
- an den eigenen Erfahrungen und Sehnsüchten
- sich selbst und seine Empfindungen übertrieben wichtig nehmen
- Täuschung über Fortschritte auf dem spirituellen Weg 

Körperbeschwerden
- im Zusammenhang mit langem Sitzen: 
Durchblutungsstörungen der Beine, Schmerzen in Gelenken, ,Rücken, Kopfschmerzen
- Schwäche durch zu starkes Fasten
- Schlafstörungen 

Zenkoller
Unruhe, Erregung, Realitätsverkennung (Illusionen, wahnähnliche Erlebnisse), Selbsttäuschungen, überstarkes Mitteilungsbedürfnis, überwältigendes spezielles Bedeutungserleben von Alltagsereignissen, Ich-Krise (Überhöhung, Überschätzung, Desintegration des Ich)

Krisen & Störungen bei spirituell suchenden Menschen

Die Bewusstseinsforschung kennt heute im wesentlichen vier Krisen oder psychische Störungen bei spirituell suchenden Menschen: 

1.Krisen, die dem spirituellen Erwachen vorausgehen: Unzufriedenheit, Grübeln, Gefühl der inneren Leere, Depression, moralische Krise.

2.Krisen, die durch das spirituelle Erwachen ausgelöst werden: Selbstüberschätzung, Überheblichkeit, Stolz, Verlust des Realitätskontaktes, parapsychologische Wahrnehmungen.

3.Reaktionen auf das spirituelle Erwachen: Schwierigkeiten der Einordnung der Erfahrung in die Kontinuität des bisherigen Lebens, Verzweiflung, depressive Melancholie, Verlust von Willenskraft und Selbstkontrolle.

4.Phasen der Verwandlung: Erschöpfung, Schlaflosigkeit, seelische Erregung, Angstzustände. Häufig missachtet und fahrlässig unterschätzt werden vor allem die Gefahren der Meditation - deren verschiedene Methoden ansonsten den Königsweg jeder spirituellen Entwicklung verkörpern. So sind Menschen besonders gefährdet, wenn sie aus individuellen Abwehr- oder Fluchtmotiven heraus zu meditieren beginnen, ohne von ihrer Persönlichkeitsstruktur oder Ich-Entwicklung dafür vorbereitet zu sein. Vor allem anfällige oder schwache Individuen werden von einem "Führer" abhängig, wobei sie in Isolation, Einsamkeit, Angst oder Depression geraten und eine ernsthafte Ich-Störung entwickeln können. Durch ihre starke Abhängigkeit vom Lehrer oder Meister sind diese Menschen zudem gefährdet, von ihm in mehrfacher Hinsicht missbraucht zu werden: Sie sind leicht zu indoktrinieren und materiell oder sexuell auszubeuten.

Bei den Gefahren der Meditation muss man im wesentlichen folgende Ebenen unterscheiden:

Im Meditanden:
anfällige, instabile Persönlichkeit (mit "falschem", nichtintegriertem Selbst)
falsche Motive: Die Meditation wird als Abwehr/Flucht benützt
drohende Abhängigkeit vom spirituellen Führer 
überstarkes Verlangen nach Erfahrungen oder Erlösung 

Im Meditationsleiter:
narzisstische Inflation
ethisch-moralische Verfehlungen - Ausbeutung von Schülern.

In der Meditationstechnik:. 
Fehlen eines stufenweisen, psycho-physischen Aufbaues
falsche Atemtechniken
"Overmeditation"

Im Umfeld:
Isolierung, Führungslosigkeit
zu starke Bindung an den Führer, Übertragungsneurosen und -psychosen
Gruppendruck

Spirituelles Bewusstsein: bescheiden, demütig und gütig

Wie sich das konkret auswirken kann, veranschaulichen die folgenden Beispiele:

Ein 30jähriger, der in einer Gruppe Meditation übt, erstarrt im Sitzen, isst, trinkt und bewegt sich nicht mehr. Es dauert lange, bis man den Zustand als nicht mehr in den Rahmen der Meditation gehörig erkennt. Er war in einen katatönen Stupor einer schizophrenen Erkrankung geraten. Diese besteht noch 20 Jahre später weiter.

Eine 36jährige Frau, mehrfach belastet und enttäuscht in ihrem Umfeld, gerät durch Exerzitien kalifornischer Prägung (Hyperventilieren - "Überatmen" -, evokative Musik, ekstatischen Tanz, Schreiboxen) in eine akute manische Erregung und Megalomanie. Sie wähnt sich als Heilerin und zur Bekehrung anderer berufen.

Ein 35jähriger Mann reist allein in den Orient (kein Drogengebrauch), geht nach der Rückkehr in ein christliches Kloster, um Zenübungen zu erlernen. In einer persönlich und beruflich überfordernden Lebenssituation kürzt er den Schlaf, um im Dunkeln vor einer Kerze zu meditieren. Kurz darauf beginnt er Stimmen zu hören, die zu ihm sprechen, entnimmt auf sich bezogene Botschaften aus Autoschildern, Fernsehen, Radio, Zeitung. Er wähnt sich verfolgt und bedroht und entwickelt eine schwere Angstpsychose.

Ein 30jähriger Mann überwindet während Rajneesh-Gruppenaktivitäten (Tanzen, Singen, Körperkontakt) seine schmerzlich bewusste Kontaktstörung und depressive Hemmung. Er gerät in eine manisch überhöhte Stimmung und wähnt sich als Christus. Gleichzeitig befallen ihn Todes- und Untergangsängste.

Man muss sich bewusst machen, dass Spiritualität nicht in einer Checkliste festgelegt werden kann. Dass die "Heiligung der Seele" als Vollendung des spirituellen Weges nur wenigen gelingt, mag für viele moderne Menschen, die ein spirituelles Leben führen wollen, mehr oder weniger tröstlich sein. Der Religionsphilosoph Johannes Heinrichs betont, dass die schwierige Verbindung von Spiritualität und Weltbezug bisher weder theologisch noch psychologisch hinreichend aufgearbeitet wurde. Das entscheidende Kriterium einer gelingenden Synthese liege aber zweifellos in der Einheit von Gottes- und Nächstenliebe, weil der "sogenannte Nächste das wesentlichste und zugleich göttlichste Stück 'Welt' darstellt". Es sind eher indirekte, atmosphärische Anzeichen, die vom spirituell erfüllten Leben und Bewusstsein künden: Güte, Toleranz, Mitgefühl, Bescheidenheit, Echtheit als authentisches Handeln, Anspruchslosigkeit, Mut und eine gelassene Achtsamkeit verleihen dem spirituellen Menschen die Kraft, das Schwere in der Welt zu bestehen, ohne sich dem Schlechten zu beugen.

Wer diese Bescheidenheit mit den vielfältigen Versprechungen der "Esoszene" und ihren vermeintlich bewusstseinserweiternden, "spirituellen" Glücks-, Heils- und Erfolgswegen vergleicht, wird seine eigenen Schlüsse ziehen. Der Buddhismus weiss, dass es gerade auf dem verschlungenen Pfad des wirklichen spirituellen Lebens sehr alltäglich zugeht: "Vor der Erleuchtung Holzhacken und Wasserholen - nach der Erleuchtung Holzhacken und Wasserholen ".

Christian Scharfetter lehrt als Professor an der Züricher Psychiatrischen Universitätsklinik Psychiatrie für angehende Ärzte und Psychologen. Spezialgebiete sind neben anderen Psychopathologie, Religion und Spiritualität; unter seinen zahlreichen Publikationen zum Thema ist insbesondere zu nennen: Der spirituelle Weg und seine Gefahren, Enke-Verlag, Stuttgart 1998.

 

Okkultismus, Esoterik und so weiter:

Was Spiritualität nicht bedeutet

Okkultismus ist die Beschäftigung mit verborgenen, geheimen und unsichtbaren, das heisst der "normalgewöhnlichen" Wahrnehmung nicht zugänglichen Kräften, Geschehnissen und Erfahrungen. Diese Kräfte oder Energien wirken nach dem Prinzip der Mikrokosmos-Makrokosmos-Korrespondenz in Mensch und Welt in einer Allverbundenheit. Spiritismus und Magie sind die verbreitetsten Teilgebiete, in denen sogenannte "transintelligible", also okkulte Kräfte oder Geister gesehen, gehört, herbeigerufen, ausgetrieben oder sonst wie "benützt" werden. In diesem Sinne spiritistische oder magische Prozesse nennt man auch "spirituellen Materialismus".

Esoterik ist die Lehre vom okkulten Geschehen im "Innersten". Sie ist geheim, nur den Eingeweihten (mystes) zugänglich. Die Tradition dieser auf Hermes Trismegistos (den"3mal grössten Boten") zurückgehenden antiken Geheimlehre wird deshalb auch hermetisch genannt ("abgeschlossen). Dieses "Wissen" heisst als für den Uneingeweihten, den Laien undurchschaubare, unzugängliche, verborgene, Mysterien vermittelnde Geheimlehre auch Mystizismus, was nicht mit Mystik verwechselt werden darf.

Parapsychologie. Gegenstand der Parapsychologie sind alle okkulten Vorgänge. Von diesen parapsychologischen Praktiken ist die Parapsychologie als Wissenschaft zu unterscheiden, die sich mit den Phänomenen beschäftigt, die ausserhalb der traditionellen Psychologie und Physik liegen, deshalb auch "Paraphysik" genannt.

Spiritualität ist die besondere, im überkonfessionellen Sinne verstandene religiöse Lebenseinstellung auf das All-Eine, das umgreifende Sein, das den Menschen als unfassbares "Geistiges" (spiritus) erscheint. Von diesem Einen gibt es kein gesichertes Wissen. Es kann in ahnungsvoller Schau (Gnosis) und als ergreifende Erfahrung gegeben sein.

Es gibt für dieses Eine viele Namen und Bewusstseinsformen: Gott, Gottheit, Tao, Brahman, Maha-Atman, Shunyata, Grosser Geist, Pneuma, Prajna, Maha-Purusha als absolutes Bewusstsein.

Für den spirituellen Menschen ist dieser Bereich Ursprung und Ziel seines Lebens, das seine Lebensführung, Verantwortlichkeit und Ethik fundamental bestimmt. Auf spirituellem Weg versucht er sein Bewusstsein allumgreifend zu entfalten (also kein Eskapismus). Fortschritte auf diesem Weg gelten als Erwachen, Neu- oder Wiedergeburt nach dem Tod des alten Ich oder als Erleuchtung. 

Was Spiritualität nicht ist: Jeder aussergewöhnliche Bewusstseinszustand oder –inhalt, jedes intensivere religiöse Erlebnis wie Ekstase, Vision oder Audition, Körpersensationen wie Kundalini-Phänomene, alle parapsychologischen, okkulten Phänomene oder Mediumismus. 

© PSYCHOLOGIE HEUTE.
Erstmals erschienen in PSYCHOLOGIE HEUTE, das Magazin für Leib und Seele Nr. 6/99

weiterführende literatur

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