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jeder hat seinen kult

Inhalt:
Ich erwarte etwas vom Leben - aber was?
Mitgliedschaft: Eine Entscheidung "aus dem Bauch" heraus
Für jeden der passende Kult
Die Kluft zwischen "Ist" und "Soll"

"Selbstverwirklichung“ ist keineswegs das vorherrschende Motiv vonMenschen, die sich einer Sekte oder einem Kult anschliessen – wohl aber die Suche nach einem verbindlichen Lebenssinn. Von der Persönlichkeit und der Lebensgeschichte hängt es ab, wer wannwelchem Kult beitritt.

„Niemand tritt einer Sekte bei. Menschen schließen sich Interessengruppen an, die versprechen, ihre Bedürfnisse zu erfüllen." - Philip G. Zimbardo

Ich erwarte etwas vom Leben - aber was? 

„Im Frühjahr vergangenen Jahres steckte ich in einer Situation, wie sie wohl jeder kennt: Nichts lief so, wie es sollte, von allen Seiten kam nur Kritik – das Selbstbewusstsein näherte sich dem Nullpunkt.

Mein Studium interessierte mich überhaupt nicht mehr. Ich fühlte mich sehr einsam und auf allen Ebenen gänzlich unverstanden. Alles, was ich tat oder erlebte, kam mir einfach unendlich sinnlos vor. Permanent hatte ich das Gefühl, stets zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Das war ein Zustand, der schon viel zu lange andauerte. Aber es musste doch irgendwann besser werden, und so wollte ich mir dieses Unbehagen auch nicht mehr eingestehen. Also sagte ich mir, dass es mir doch eigentlich gut gehe, auch wenn es nicht stimmte. Viele Probleme, die ich zum Teil schon sehr lange ungelöst mit mir herumschleppte, haben mich belastet. Um wenigstens das Nötigste an Geld zu haben, machte ich schon seit Jahren einen Job, der mich inzwischen anwiderte. Doch mir fiel auch nichts Besseres ein, eine gewisse Perspektivlosigkeit fing an, sich in mir breit zu machen.

Als besonders belastend kam noch hinzu, dass mein Freund, der Mensch, der mir am liebsten war, offensichtlich keinen Anteil an all dem nahm. Ich stand im Prinzip, trotz Freunden und unzähligen Bekannten, völlig alleine da und wartete auf eine Eingebung. So wusste ich nur, dass ich irgend etwas vom Leben erwartete, aber leider nicht was. Irgendwo musste es doch einen Halt geben, etwas Verbindliches. Etwas, das mir wie eine innere Stimme sagen könnte, wo mein Platz auf dieser Welt war, etwas, für das es sich lohnte, sich voll zu engagieren. Zu diesem Zeitpunkt hörte ich das erste Mal von ...“

So oder so ähnlich lauten viele Erfahrungsberichte von Menschen, die sich während einer Krisenzeit in ihrem Leben einer Sekte oder einem Kult angeschlossen haben. Sie wurden Mitglied einer meist autoritär strukturierten Gruppe, die ihnen Sinn, Ziele, Identität und Gemeinschaft versprach.

Mitgliedschaft: Eine Entscheidung "aus dem Bauch" heraus 

In der stets aufs Neue auflebenden Sektendiskussion fällt mir immer wieder auf, dass vom einzelnen Mitglied selten die Rede ist. Der Einzelne mit seinen Bedürfnissen, Motiven, Ängsten, Problemen, Sehnsüchten, Wünschen und Träumen wird kaum wahrgenommen. Es heisst immer: Der Kult x, die Sekte y behauptet, plant, tut dieses und jenes. Dass jeder Kult aus einer Ansammlung einzelner Menschen besteht, gerät dabei aus dem Blickfeld.

Von Manipulation, Bewusstseinskontrolle oder gar Gehirnwäsche ist oft die Rede, um das teilweise exotisch anmutende, manchmal auch tragische und schwer nachvollziehbare Verhalten von Kultmitgliedern zu erklären. Damit werden diese Menschen von vornherein als passive Opfer betrachtet, die ohne eigenes Zutun in den Bann von totalitären Bewegungen gezogen werden. Diese Sicht der Dinge scheint mir allerdings sehr einseitig. Zu einem Sekteneintritt gehört immer auch ein Mensch, der sich – ob nun bewusst oder nicht – einen ganz bestimmten Kult aussucht und ihm aktiv beitritt.

Das Geschehen hat eben zwei Seiten. Auf der einen Seite befindet sich der Kult mit seinen Mitgliedern, seiner Ideologie, seiner Wertewelt, seiner Wahrheit, seinen Idealen und Versprechungen, die man grundsätzlich als Angebot verstehen kann. Auf der anderen Seite befinden sich Menschen, die sich von genau diesen Angeboten angesprochen fühlen – oder eben auch nicht.

Seit 16 Jahren bin ich im Bereich der so genannten Sekten und Kulte aufklärend und beratend tätig. In diesen Jahren wurde ich oft danach gefragt, warum Menschen sich solchen Gruppen anschliessen und ob vielleicht ein besonderer Persönlichkeitstyp auszumachen sei, der für deren Angebote besonders anfällig sei, eine „Sektenpersönlichkeit“ sozusagen. Beantwortet habe ich diese Frage ungefähr so:

Kultmitglieder sind durchschnittlich intelligente, äusserst sensible und idealistische Menschen, die sich auf der Suche nach Sinn und nach verbindlichen Antworten befinden. Menschen, die es wagen, das Vordergründige, das Alltägliche zu hinterfragen, um nach scheinbar verborgenen Sinnzusammenhängen zu suchen. Es gibt wahrscheinlich kein Kultmitglied, das seinen Beitritt mit dem „Kopf“ vollzogen hat. Kultmitglieder sind in der Regel ihrem „Bauch“ gefolgt.

Auch wenn diese Antwort für mich nach wie vor Gültigkeit hat, so wollte ich im Rahmen einer empirischen Studie herausfinden, ob es nicht doch konkrete, greifbare Faktoren gibt, die Menschen für eine Sekten- oder Kultmitgliedschaft „empfänglich“ machen.

Empirische Forschungsbeiträge zu dieser Frage sind international kaum vorhanden. Beobachtungen, Erfahrungen und Aussagen sind zwar zahlreich, oft aber auch sehr widersprüchlich. So behaupten etwa die einen Forscher, dass Kultmitglieder vermehrt aus dysfunktionalen, also gestörten Familien kommen oder dass eine Psychopathologie, eine psychische Störung vor dem Beitritt vorlag. Die anderen hingegen sind der Meinung, dass Kultmitglieder in der Regel aus ganz normalen, funktionierenden und behütenden Familien stammen und keineswegs psychisch gestört sind.

Für jeden der passende Kult

Alle Daten der Untersuchung stammen von Familien, die sich mit der Bitte um Beratung an mich wandten, weil jeweils ein oder mehrere Angehörige sich zu einem Kultbeitritt entschlossen hatten. Die Basis meiner Untersuchung bildet einen Fragebogen, der jeweils vor der ersten persönlichen Begegnung an die betroffenen Familien, Ehepartner und Freunde geschickt wurde. Untersucht wurde vor allem der Familienhintergrund und die Persönlichkeit von Kultmitgliedern sowie deren Lebenssituation und psychische Verfassung unmittelbar vor dem Kultbeitritt. Die ermittelten quantitativen und qualitativen Daten bezogen sich auf 110 Kultmitglieder im Alter von 12 bis 50 Jahren. Dies ist – zumindest in Deutschland – die bisher grösste Stichprobe zu diesem Thema.

Die Ergebnisse machen deutlich, dass besonders eine bestimmte Altersgruppe gefährdet ist. Die meisten Kultbeitritte fanden im Alter von 21 bis 25 Jahren statt. Menschen schließen sich demnach vor allem in der Phase der Adoleszenz oder Postadoleszenz einem Kult an. Aufgewachsen ist das „typische“ Kultmitglied vorwiegend in einer Kleinstadt oder in ländlicher Umgebung, und es verfügt über eine höhere Schulbildung. Berufliche Zukunftsvorstellungen waren bei den Untersuchungsteilnehmern nur selten vorhanden. Die Herkunftsfamilie zählte meist zur (gehobenen) Mittelschicht und umfasste zwei bis drei Kinder. Erstaunlicherweise befanden sich nur drei Einzelkinder unter den 110 Personen.

Die meisten der Beurteilten hatten einen problematischen Familienhintergrund und litten unmittelbar vor ihrem Kultbeitritt unter mehreren belastenden Erfahrungen in ihrem Leben, zum Beispiel innerhalb der Familie, in ihrer Beziehung, in der Schule oder im Beruf. Diese Probleme summierten sich zu einem enormen Belastungsdruck; der Kultbeitritt versprach Erleichterung.

Nur bei einem geringen Anteil der Mitglieder lag eine psychische Störung vor. Knapp die Hälfte der Beurteilten wurde von den Angehörigen oder Freunden als hilfsbereit, sensibel, aber auch einsam beschrieben. Nur etwa ein Viertel der Personen wurde als naiv, labil, introvertiert, idealistisch oder nicht selbstbewusst bezeichnet. Die Kultmitglieder selbst nannten in gut der Hälfte der Fälle den Wunsch nach einer verbindlichen Lehre als Motiv für den Beitritt. Nur wenige führten Selbstverwirklichung oder Unzufriedenheit als Beweggrund an.

Soweit jene Befunde, die alle an der Untersuchung beteiligten Kultmitglieder betreffen, unabhängig von den Besonderheiten und der ideologischen Ausrichtung des jeweiligen Kults. Doch unterscheiden sich die Kultmitglieder auch untereinander, je nachdem, zu welcher Glaubenslehre sie sich hingezogen fühlen? Um dies zu untersuchen, wurden die Kulte nach ihrer Ideologie, Struktur und Ausrichtung in drei Kategorien aufgeteilt: christlich-fundamentalistische Gruppierungen, Gurubewegungen sowie Psycho- und Esoterikkulte.

Menschen, die einem christlich-fundamentalistischen Kult beitraten, taten dies vorwiegend im Alter von 21 bis 25 Jahren. Die meisten Angehörigen dieser Kategorie waren in ihrer Vergangenheit regelmäßig zur Kirche gegangen. Die jungen Frauen und Männer wuchsen verhältnismäßig oft in Familien auf, in denen über persönliche Probleme oder Gefühle kaum gesprochen wurde. Als Eintrittsgründe nannten sie häufig den Wunsch nach Gemeinschaft, nach einer verbindlichen Lehre und nach mehr Lebenssinn.

Bei den Gurubewegungen lag das Eintrittsalter zwischen 16 und 20 Jahren. Die Mitglieder waren häufiger männlich und Erstgeborene. Sie besuchten vorwiegend das Gymnasium, schlossen es jedoch nicht mit dem Abitur ab. Kirchenbesuche fanden auch in dieser Gruppe regelmäßig statt. Von belastenden Familiensituationen oder mangelnder Kommunikation in der Familie wurde selten berichtet. Die Angehörigen von Gurusekten wurden weder als altruistisch noch als depressiv bezeichnet. Sie galten eher als introvertiert. Sie waren nach eigenen Angaben auf der Suche nach einer verbindlichen Lehre und weniger nach Lebenssinn.

Bei der Gruppe der Psychokulte und esoterischen Bewegungen fand der Eintritt etwas später statt, nämlich zwischen 26 und 30 Jahren. In dieser Kategorie waren überwiegend Frauen anzutreffen. Sie kamen häufiger aus Scheidungsfamilien und gingen nicht regelmässig zur Kirche. Sie erlebten vermehrt belastende Familiensituationen, und sie litten unmittelbar vor ihrem Kultbeitritt unter beruflichen oder schulischen Problemen. Sie wurden von ihrer Umgebung nicht als introvertrierte, sondern eher als egoistische Persönlichkeiten beschrieben. Sie selbst gaben weder die Suche nach Gemeinschaft noch das Bedürfnis nach einer verbindlichen Lehre als Grund für ihren Beitritt an.

Es wird also deutlich, dass Menschen je nach ihrer Persönlichkeit und Lebensgeschichte zu bestimmten Kategorien von Kulten neigen. In diesem Zusammenhang wird neuerdings von einem „dynamischen Passungsmodell“ ausgegangen: Für jeden individuellen Fall gibt es den passenden Kult.

Allerdings lassen die Untersuchungsergebnisse auch erkennen, dass sich ein Sektenbeitritt nicht auf wenige, prägnante Faktoren zurückführen lässt. Meist liegt ein ganzes Bündel von individuellen Ursachen vor. Dies sollte auch in der Arbeit mit Kultmitgliedern und Kultaussteigern und deren Angehörigen stärker berücksichtigt werden. Es sollte gleichermassen beiden Seiten Beachtung geschenkt werden, nämlich der Person und ihren individuellen Bedürfnissen sowie dem jeweiligen Kult und seinen Angeboten – dem „Schlüssel“ und dem „Schloss“.

„Glaubt den Büchern nicht, glaubt den Lehrern nicht, glaubt auch mir nicht. Glaubt nur das, was ihr selbst sorgfältig geprüft und als euch selbst und anderen zum Wohle dienend erkannt habt.“ - Gautama Buddha

Die Kluft zwischen "Ist" und "Soll"

Kulte bieten sicherlich simple, aber auch verbindliche Antworten auf komplexe Lebensfragen und ermöglichen dadurch dem Mitglied, ein vereinfachtes Schwarzweissdenken zu praktizieren. Erschüttert wird eine Mitgliedschaft, wenn innerhalb der Bewegung eine Diskrepanz zwischen dem alltäglichen Handeln und der jeweiligen Ideologie erkannt wird und wenn dadurch Zweifel an der „absoluten Wahrheit“ entstehen. Diese Kluft, dieses „Ist-Soll-Dilemma“ und die dadurch entstehenden Zweifel sind eine wesentliche Grundlage dafür, dass Sektenmitglieder eine Bereitschaft entwickeln, sich auf Gespräche ausserhalb des Kultes – ihrer „Insel“ – überhaupt einzulassen. Eine gute Strategie ist es, in solchen Gesprächen mit Kultmitgliedern die Einseitigkeit und Enge des Schwarzweissdenkens deutlich zu machen. Sind nicht die Möglichkeiten, unsere Welt und ihre Komplexität zu deuten und zu erklären, so reichhaltig wie das Farbspektrum eines Regenbogens? Warum so rigide auf einem engen Weltbild, einer geschlossenen Ideologie bestehen?

Ein Kultaustritt ist meist mit einer hohen psychischen Belastung für das Mitglied verbunden. Zu all den Problemen, die – wie erwähnt – bereits vor dem Eintritt bestanden haben können und während der Mitgliedschaft „auf Eis gelegt“ waren, kommen nun all jene Schwierigkeiten hinzu, die unmittelbar mit dem Austritt selbst verbunden sind. Aussteiger bedürfen daher in dieser Phase besonders dringend einer fachgerechten Begleitung. Therapeutisch bearbeitet werden sollten nicht nur die mit dem Ausstieg verbundenen vordergründigen Schmerzen und Symptome, sondern auch die Motive, die seinerzeit zum Einstieg in die Sekte führten.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass Menschen, die Kulten beitreten, nicht unbedingt den Stereotypen und Vorurteilen entsprechen, die über sie verbreitet werden. Sie kommen weder vermehrt aus Scheidungsfamilien und broken homes, noch sind die meisten von ihnen psychisch gestört oder übermässig naiv und labil. Was wiederum den Schluss zulässt, dass es – eine entsprechende belastende Lebenssituation vorausgesetzt – fast jedem von uns passieren kann, in eine Kultmitgliedschaft hineinzuschlittern.

Dieter Rohmann 
http://www.kulte.de 

© PSYCHOLOGIE HEUTE.
Erstmals erschienen in PSYCHOLOGIE HEUTE, das Magazin für Leib und Seele am 12. Juli 2000.

Diese Abschrift wurde freundlicherweise angefertigt von Helke Koulakiotis, Aufklärungsgruppe Krokodil, 12. Juli 2000  

Dieter Rohmanns Studie ist unter dem Titel „Ein Kult für alle Fälle“ im sozialwissenschaftlichen Fachverlag erschienen und kann angefordert werden bei der Edition Soziothek, Abendstrasse 30, CH-3018 Bern.

 

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